Rezension: Der Märchenerzähler

Violetta | Sonntag, 1. April 2018 |

Buchtitel: Der Märchenerzähler
Autor: Antonia Michaelis
Verlag: Oetinger
Seiten: 448
Format: Hardcover
Preis: 16,95 €






Klappentext
Abel Tannatek ist ein Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer. Wider besseres Wissen verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel: den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen erzählt, das Anna tief berührt. Doch die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Was, wenn das Märchen gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit? Was, wenn Annas schlimmste Befürchtungen wahr werden? 

(Quelle: Oetinger)

Meine Meinung
Obwohl jeder, den Anna kennt, ihr abrät, sich auf Abel Tannatek, den polnischen Kurzwarenhändler, einzulassen, kann sie nicht aufhören, an ihn zu denken. An ihn und Micha, seine kleine Schwester. Abel, der aus sozial schwachen Verhältnissen stammt, möchte keine Hilfe. Nicht von Anna. Von Niemandem. Trotzdem gibt Anna nicht auf und freundet sich schließlich mit dem Geschwisterpaar an. Doch ein Schatten liegt auf ihrer Freundschaft und auf ihrer Liebe. Menschen verschwinden, Morde geschehen. Und all diese Vorkommnisse haben mit den Tannateks zu tun. Zufall? Und das Märchen, das Abel erzählt, hat erstaunlich viele Parallelen zur Realität, findet Anna. Aber Abel ein Mörder? Auf keinen Fall. Oder? 

Für diese Geschichte hat die Autorin den personalen Erzählstil gewählt. Der Großteil der Handlung ist aus Annas Perspektive erzählt, aber es tauchen auch kürzere Abschnitte auf, die aus der Sicht einiger Nebenfiguren stammen. Die Geschichte beginnt mit einem spannenden Prolog, der nicht verrät, welche Figuren agieren.

Anfangs lernt man Anna und ihre Freunde kennen und sofort wird klar, dass Anna ein besonderes Interesse an Abel Tannatek, den Außenseiter und Drogendealer, hat. Es war für mich eine schöne Abwechslung, eine Geschichte zu lesen, die in Deutschland, genaugenommen an der Ostsee, spielt. 

Das Besondere an diesem Buch ist die Geschichte innerhalb der Geschichte. Das Märchen, das Abel Anna und seiner Schwester erzählt. Dieses sehr fantasievolle Märchen weist einige Parallelen zu Annas Realität auf, zu den verschwundenen Personen und den Morden, die geschehen sind. Erst ganz am Ende begreift der Leser, für welche reale Figur welche Märchenfigur steht und was die Metaphern bedeuten. Das Rätsel wird entschlüsselt. Ich habe während des Lesens fast alle vorkommenden Figuren des Mordes verdächtigt, lag mit meinen Vermutungen aber mehr als daneben. 

Die Figuren wirken echt, wie aus dem Leben gegriffen. Stereotypen gibt es nicht.  Jede Figur hat Ecken und Kanten und hat einen individuellen Charakter. Besonders Abels Schwester, Micha, habe ich ins Herz geschlossen. Nur die Hauptfigur Anna blieb ein wenig blass. Ich hatte Schwierigkeiten, eine Verbindung zu ihr aufzubauen, was wahrscheinlich auch am personalen Erzählstil lag, der Abstand zwischen Leser und Figuren bringt. Einige ihrer Entscheidungen und ihre bedingungslose Liebe zu Abel kann ich nicht gutheißen, da sie Lesern, besonders Mädchen, eine verkehrte Botschaft überbringen. 

Fazit
Die Geschichte ist durchweg spannend, die Figuren sehr gut ausgearbeitet, die Handlung unvorhersehbar und der Schreibstil wunderschön poetisch und mitreißend. Das Märchen innerhalb der Geschichte animiert zum Miträtseln, wer der Mörder ist, und ist sogar noch unterhaltsamer als Annas und Abels Geschichte. Für einige von Annas Entscheidungen konnte ich jedoch keinerlei Verständnis aufbringen, da sie jungen Leserinnen ein falsches Weltbild vermitteln. 


Kommentare:

  1. Hallo liebe Violetta,

    ich muss sagen, ich liebe den Stil der Autorin. Und eigentlich auch so ziemlich jedes Buch, das ich von ihr gelesen habe. Ich liebe es, wie sie gesellschaftliche Themen anspricht und vor allem aber eben diesen Stil, der an den Grenzen zwischen Vorstellung und Wirklichkeit reibt, ich liebe es, wie sie manchmal dazwischen balanciert, ich liebe ihre Wortwahl.
    Und doch ist dieses Buch, das gleichzeitig das erste war, das ich jemals von ihr gelesen habe, das, dem ich zwiespältig gegenüberstehe. Wegen genau des Aspektes, den du auch ansprichst. Ich habe mir Aussagen von der Autorin dazu durchgelesen und finde die auch irgendwie nachvollziehbar, aber ich kann eben auch die Kritik voll und ganz verstehen.

    Liebe Grüße ^^

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    1. Hallo liebe Dana,

      den Stil der Autorin fand ich ebenfalls fantastisch. Atmosphärische dicht, Spannung ohne Ende und dann diese Parallele zwischen Realität und Märchen. Einfach grandios. Ich werde auf jeden Fall noch weitere Bücher von Antonia Michaelis lesen.

      Liebe Grüße
      Violetta

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