Von Verlusten und neuen Familienmitgliedern

Violetta Leiker | Mittwoch, 28. Juni 2017 |
Jeder Moment ist kostbar.

Diese Lektion lernte ich vor fünf Tagen erneut auf die harte Tour. In einem Augenblick war alles wundervoll, im nächsten zersplitterte mein Herz in tausend Stücke. 

Das Leben ist unberechenbar und stürmisch wie das Meer. Pläne und Ziele können in nur einem Augenblick vernichtet werden. Die schlechte Nachricht, die mein Leben, meine Pläne und meine Ziele auf den Kopf stellte, brach wie ein Tsunami über mich herein. Dabei hatte ich auf diese Zeit des Jahres hingefiebert. Fünf Wochen zu Hause sein, bevor mein erstes Kind das Licht der Welt erblickt. Ich hatte mir Vieles vorgenommen: Den Haushalt auf Vordermann zu bringen, die Schränke von unnötigem Krempel zu befreien, Blogartikel zu verfassen, zu lesen, zu schreiben und einfach zu entspannen. Doch meine geliebte Routine, mein geliebter Alltag, war am Donnerstagnachmittag schlagartig vorbei. Nur acht Monate waren seit dem letzten Schicksalsschlag vergangen. Im November letzten Jahres wurde mir ein Familienmitglied genommen: Mein nur fünf Jahre alter Kater Cody, der an den Folgen eines Hundebisses gestorben war. Sein Verlust wog schwer - und tut es auch heute noch. Ich habe Monate gebraucht, um halbwegs über seinen plötzlichen und sinnlosen Tod hinwegzukommen, und zum Glück stand mir meine Katze Raffy zur Seite, die mir stets Trost spendete. 


Am Donnerstag geschah nun das Unvorstellbare. Mitten in der Nacht wurde Raffy von einem Auto erfasst und tödlich verwundet. Die Nachricht, dass ich Raffy nie wieder sehen würde, sie nie wieder streicheln oder ihr Gepiepse hören würde, war ein Schock für mich. Ich bekam keine Luft mehr. Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Ich weinte und weinte, tagelang, bis meine Augen brannten. Schließlich versiegten meine Tränen. Was mir blieb, war ein Gefühl der Leere. Freude, Glück und Lachen. Wie fühlt sich das an? Ich wusste es nicht mehr. Meine Augen starrten mir leblos aus dem Spiegel entgegen. Das Gefühl, innerlich zu verbluten, war allgegenwärtig. Ich schlief schlecht ein, da die Erinnerungen an meine beiden Katzenkinder in meinem Kopf herumwirbelten. Jede Nacht erwachte ich mehrmals so plötzlich, als wäre ein eiskalter Luftzug über meinen Körper gefegt. Mich jeden Morgen aufzuraffen, war so schwer wie nie zuvor. Der erst im Morgengrauen eintretende Schlaf war eine Wohltat, doch die Angst vor dem Beginn der nächsten Nacht erwartete ich voller Schrecken. 


Ich verlor zwei Familienmitglieder in dieser Schwangerschaft, weinte hemmungslos und war mit den Nerven am Ende. Bekannte und geliebte Menschen warnten mich davor, traurig zu sein. Es würde dem Kind schaden. Aber es ist unmöglich, solch überwältigende Gefühle zu unterdrücken. Mir blieb nur ein Weg, aus dieser Seifenblase aus Trauer und Schmerz auszubrechen. Ich brauchte jemanden, um den ich mich kümmern konnte. Jemanden, der meine Hilfe und Fürsorge brauchte. 

Ich durchforstete das Internet nach einer Katze und fand einen Wurf Kätzchen in Wilhelmsburg, eine Autostunde von meinem Wohnort entfernt. Die Besichtigung der Kätzchen entpuppte sich als Rettungsaktion. Die Wohnung des Besitzers ähnelte einer Müllhalde. Es roch stark nach Zigarettenqualm, alles war verdreckt. Am liebsten hätte ich alle fünf Kätzchen mit nach Hause genommen. Ich hoffe, dass die anderen vier schnell ein neues zu Hause finden. Wenigstens einem konnte ich ein neues Heim voller Liebe schenken. Dieser acht Wochen alte Bursche, den ich Lucky getauft habe in der Hoffnung, dass er ein langes und glückliches Leben führen wird, kann weder Raffy noch Cody ersetzen, niemand kann das, aber er kann die beiden schmerzhaften Löcher in meinem Brustkorb teilweise schließen. Ich hoffe, dass er auch meinem in vier Wochen das Licht der Welt erblickenden Sohn ein treuer Freund und Gefährte sein wird. 


Die Trauer über Raffys Verlust sucht mich immer noch heim und wird es auch weiterhin tun. Ich sehe sie überall, höre ihr hohes Stimmchen. Aber Lucky gibt mir Trost und die Kraft, mit einem neuen Kapitel zu beginnen. Zwei Familienmitglieder habe ich verloren - zwei neue dazugewonnen. Mein Leben veränderte sich über Nacht, umso mehr weiß ich jeden Augenblick, den ich täglich mit den Menschen und Tieren verbringe, die ich liebe, zu schätzen. Der nächste Schicksalsschlag steht kurz bevor - mein 16 Jahre alter Hund Tobi, der wie ein kleiner Bruder für mich ist, kann seiner Krankheit nicht mehr lange trotzen - aber ich weiß, dass ich auch dieses Unglück überstehen werde. Für meinen Kater Lucky. Für meinen Sohn. 

Wie geht ihr mit einem Verlust um?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen