Ruhe in Frieden, kleiner Freund

Violetta Leiker | Freitag, 11. November 2016 |

Es gibt viele Dinge, vor denen ich mich fürchte. Krieg, Armut, Krankheit … Das Schlimmste für mich ist jedoch, jemanden zu verlieren, den ich liebe. Gestern war so ein Tag. Ich musste jemanden gehen lassen, der mein Leben vier Jahre lang bereichert hat.
Der mir Freude und Glück schenkte im Austausch gegen Liebe und Fürsorge.
Der mich täglich zum Lachen brachte, ohne lustig sein zu wollen.
Der mir Trost in schweren Zeiten spendete, nur indem er da war.
Der in meiner Erinnerung weiterleben wird, ganz gleich wie schmerzhaft der Gedanke an seinen Verlust ist.
Der sich in mein Herz geschlichen hat – unwiderruflich und für alle Ewigkeit.




Unsere gemeinsame Geschichte begann am 8. Dezember 2012. Schnee und Eis. Kälte und Dunkelheit. Ein dürrer Kater, balancierend zwischen Leben und Tod. Nicht ich fand ihn – er fand mich. Im Bruchteil einer Sekunde schloss ich ihn ins Herz. Ich musste ihn beschützen, ihn retten. Er blieb bei uns. Seine ehemalige Familie drängte ihn beinahe in den Hungertod. Wir päppelten ihn auf und schenkten ihm ein liebesvolles Heim.
 
Es ist schwer, jemanden gehen lassen zu müssen, dessen Zeit gekommen ist. Noch schwerer ist es, jemanden gehen zu lassen, der mit Gewalt aus dem Leben gerissen wurde. Viel zu früh – und endgültig.
Drei Tage und drei Nächte bangte ich um sein Leben. Mein Körper fror und stand gleichzeitig unter Strom. Ich hoffte, betete, redete mir ein, dass alles gut werden würde.
Vergeblich.
Seit der Nachricht, dass er den Weg in eine andere Welt alleine angetreten hat, fühlt es sich an, als risse jemand meinen Körper auseinander. Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Ich hole immer wieder tief Luft, um meine Nerven zu beruhigen, aber kein Sauerstoff dringt in meine Lunge. Meine Hände zittern. Aus meiner Stimme ist ein heiseres Krächzen geworden. Die Tränen kommen plötzlich und unaufhaltsam. Ich fühle mich wie ein ausgetrockneter Brunnen, aber die salzigen Schlieren auf meinen Wangen wollen einfach nicht verschwinden. Wo einst mein Magen war, befindet sich nun ein glühend heißer Klumpen. Der Versuch zu essen, fühlt sich an, als kaue ich an einem Stück Teppich. Alles schmeckt zäh und fad. Der Kloß in meinem Hals lässt mich nicht schlucken. Ich habe Angst zu schlafen, denn wenn ich die Augen schließe, strömt ein Kaleidoskop aus Erinnerungen in meine Gedanken, bis sich mein Kopf anfühlt, als würde er in tausend Stücke bersten. Wie ein Roboter bewältige ich meinen Alltag. Mechanisch. Leblos. Ein Schritt nach dem anderen. Eine Aufgabe nach der nächsten. Wie lange wird es dauern, bis es mir gelingt, aus der unnachgiebigen Blase des Trauerns auszubrechen?
 
Ich erinnere mich an das Modell der vier Trauerphasen nach Verena Kast:
 
1. Phase: Leugnen, Nicht-wahr-haben-wollen
2. Phase: Intensiv aufbrechende Emotionen
3. Phase: Suchen, finden, loslassen
4. Phase: Akzeptanz und Neuanfang

Ich springe zwischen Phase 1 und 2 hin und her. Letzte Nacht brachen starke Emotionen aus mir heraus: Warum er? Warum jetzt? Schicksal oder Zufall? Heute Morgen öffnete ich die Haustür in Erwartung, er komme mir mauzend entgegen – wie üblich. Ich sehe ihn überall. Er kann nicht tot sein. Nicht er. Nicht jetzt.
Wie soll ich mich an ein Leben ohne ihn gewöhnen? Werde ich jemals über seinen Verlust hinwegkommen? Wie kann sich die Erde weiterdrehen, wenn er nicht mehr ist? Ich bin wütend und verzweifelt. Diese Zeilen schreibe ich beinahe blind. Tränen verschleiern meine Sicht.
 
Zerbrechlich wie Glas ist das Leben. Ein Wimpernschlag und alles verändert sich. Ein Augenblick und die Säulen der eigenen kleinen Welt brechen zusammen. Ein Moment und jemand, den man liebt, verschwindet für immer.
 
Ich weiß, dass noch viele Verluste und Abschiede auf mich zukommen. Jedes Mal werde ich aufs Neue mit dem Schmerz kämpfen, die Wut niederringen und die Verzweiflung überstehen. Das Leben besteht aus Trauer, durchbrochen von kurzen Momenten des Glücks, die ich sinnvoll nutzen möchte.
Indem ich anderen helfe.
Indem ich nach vorne schaue.
Indem ich für meine Träume kämpfe.
Indem ich an den schönen Dingen des Lebens festhalte.
 
Das Leben ist zu kurz, um es zu vergeuden. Es ist zu kurz, um sich zu bemitleiden. Wir sind für eine kurze Zeitspanne zu Gast auf dieser Erde. Und jeder Mensch, der uns begegnet, und jedes Tier, das unseren Weg kreuzt, hat eine Aufgabe. Uns etwas zu lehren oder von uns gelehrt zu werden.

Meine Zeit mit Cody dauerte nicht lange an, aber sie war kostbar, ebenso wie die Erinnerungen an ihn, die mich eines Tages nicht mehr mit Trauer, sondern mit Freude erfüllen werden. Ob er auf der Regenbogenbrücke ins Jenseits auf mich wartet?


Ganz gleich, wie die Wahrheit aussieht: Er ist es wert, den Schmerz über seinen Verlust ertragen zu müssen. Er ist es wert, unzählige Tränen zu vergießen. Er ist die tiefe Wunde in meiner Seele und meinem Herzen wert.
 
Ruhe in Frieden, kleiner Freund. Ich werde dich nie vergessen.

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