Es war einmal ...

Violetta Leiker | Sonntag, 23. Oktober 2016 |

Es war einmal ein Tintenklecks. Zufrieden fristete er sein  Leben. Tag für Tag beobachtete er den Tanz der Staubflocken, Nacht für Nacht schlief er seelenruhig auf einem Bogen weichen Pergaments. Es kam der Augenblick, da gesellte sich ein Tintenkringel zu ihm. Er war elegant geschwungen, doch leider wusste dieser um seine Schönheit und piesackte den Tintenklecks, da dieser unförmig und hässlich war. Es kamen weitere Kringel hinzu, Zeichen, die der Klecks noch nie gesehen hatte. Sie alle waren blasiert und trugen die Nasen in die Höhe. Keiner der Kringel sprach mit dem Tintenklecks und keiner wollte mit ihm spielen. Als ihr Lachen bis zu ihm drang, der nun alleine sein Dasein auf einer Ecke des Pergaments fristete, widerfuhr dem Tintenklecks die Einsamkeit. Es gab nichts, das er mehr begehrte als die Freundschaft der schönen Kringel. Also schlich er sich eines Nachts, als alle Kringel schliefen, vom Pergament, kletterte eine lange Adlerfeder hinauf und sprang in das Tintenfass. Beim nächsten Mal, als die Feder in das Fass getaucht wurde, klammerte sich der Klecks an deren Spitze. Die Feder kratzte über das Pergament und der Klecks verband die Tintenkringel zu Worten. Hand in Hand lebten sie auf dem Pergament und die Einsamkeit, die den Tintenklecks heimgesucht hatte, zog von dannen. 

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